The future of democracy

«Future is made now, in every second, in every minute.»

[Suyeon:] Du arbeitest als Theatermacher und beschäftigst dich in deiner Arbeit stark mit Zukunftsszenarien. Was bedeutet Zukunft für dich?

[Eneas:] Die Zukunft wird genau jetzt gemacht – in jeder Sekunde, in jeder Minute. Was in zwanzig Jahren passieren wird, gestalten wir bereits heute. Genau das ist auch das Werkzeug unserer Arbeit: Wir nehmen ein Szenario, das möglicherweise in der Zukunft passieren wird, und spielen es bereits heute durch. Dadurch wird sichtbar, dass wir die Zukunft nicht erst irgendwann gestalten, sondern schon jetzt.

«Democracy in two words? Deciding together!»

[Suyeon:] Wenn du Demokratie in einem oder zwei Worten beschreiben müsstest – welche wären das?

[Suyeon:] Zusammen entscheiden. Demokratie ist eine Art, eine Gesellschaft zu organisieren, in der die Mitglieder der Gesellschaft darüber entscheiden, wie sie zusammenleben wollen. Natürlich ist es noch komplexer als das, je nachdem, von welcher Form von Demokratie wir sprechen. In einer liberalen Demokratie entscheidet nicht einfach nur die Mehrheit. Es gibt Checks and Balances, Regeln und individuelle Rechte. Eine Mehrheit kann beispielsweise nicht einfach beschliessen, einer bestimmten Religion oder Gruppe grundlegende Rechte zu entziehen.

«Democracy as the base of encountering people.»

[Suyeon:] Ist Demokratie für dich eher etwas Abstraktes oder etwas sehr Konkretes?

[Eneas:] Beides. Wie jedes Konzept ist Demokratie zunächst eine Theorie, eine Abstraktion. Es gibt ein Ideal, das wir vielleicht nie vollständig erreichen werden. Dieses Ideal ist aber wichtig, weil es uns eine Richtung vorgibt.

Gleichzeitig ist Demokratie sehr konkret: Menschen kommen zusammen, diskutieren und entscheiden. Eigentlich begegnet uns das in unserem Alltag ständig. In jeder Beziehung, in einer Partnerschaft, in einer Familie – überall dort, wo nicht einfach eine Hierarchie vorgibt, was zu tun ist, sondern Menschen gemeinsam organisieren, wie sie miteinander leben wollen.

«Democracy is something that a society has to train.»

[Suyeon:] Was ist deiner Meinung nach das grösste Missverständnis über Demokratie?

[Eneas:] Vielleicht die Vorstellung, dass einfach die Mehrheit entscheidet. Das kann gefährlich werden. Wenn eine Mehrheit beschliesst, grundlegende Menschenrechte abzuschaffen, bestimmte Lebensweisen zu verbieten oder die Religionsfreiheit einzuschränken, kann Demokratie sehr schnell totalitär werden.

Eine liberale Demokratie bedeutet deshalb auch, Unterschiede und andere Meinungen auszuhalten und über sie zu diskutieren. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man.

Ich glaube, eine Gesellschaft muss das regelrecht trainieren. Wenn eine Gesellschaft aus einem totalitären System kommt, braucht es wahrscheinlich mehrere Generationen, um durch Erfahrung und Praxis zu lernen, tolerant miteinander umzugehen.

Es gibt diesen sehr menschlichen Kern, diese Bedürfnis in uns: Wir wollen teilnehmen, wir wollen in bestimmte Prozesse involviert sein. Aber der Weg zur Demokratie ist lang – und er hört nie auf. Es besteht immer die Gefahr, wieder zurückzufallen.

Wenn wir uns anschauen, was gerade in vielen Ländern passiert, macht mir das Sorgen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Demokratie das 21. Jahrhundert überleben wird.

«Participation is the core of democracy.»

[Suyeon:] Wie wichtig ist Partizipation?

[Eneas:] Partizipation ist der Kern der Demokratie. Wenn Menschen aufhören, sich zu beteiligen, stirbt Demokratie.

Das kann durch Unterdrückung passieren, wenn es zu gefährlich wird, sich zu beteiligen. Es kann aber auch auf andere Weise geschehen – etwa durch Demobilisierung oder durch Medien. In einer freien Gesellschaft ist Partizipation deshalb zentral.

«Switzerland is known for its chocolate, cheese and democracy.»

[Suyeon:] Was bedeutet die direkte Demokratie in der Schweiz für dich?

[Eneas:] Die Schweiz ist natürlich ein extremes Beispiel dafür, wie stark Menschen in politische Prozesse einbezogen werden. Viermal im Jahr bekommen wir Abstimmungsunterlagen und können über verschiedene Themen entscheiden. Dieses System hat sich über eine lange Zeit entwickelt und funktioniert in vielerlei Hinsicht gut.

Aber wir sollten nicht einfach zufrieden sein mit dem, was wir erreicht haben. Es gibt viele Ebenen, auf denen wir hinterfragen müssen, wie demokratisch die Schweiz tatsächlich ist.

Das Frauenstimmrecht beispielsweise wurde erst in den 1970er-Jahren eingeführt, in einem Kanton sogar erst in den 1990er-Jahren. Und wenn wir hier in Basel anschauen, wie viele Menschen keine Schweizer Staatsbürgerschaft haben und deshalb nicht abstimmen dürfen, obwohl sie vielleicht seit Jahrzehnten hier leben und Steuern bezahlen, stellt sich ebenfalls die Frage, wie demokratisch unser System ist.

Auch wirtschaftlich gibt es Fragen. Die Schweiz gehört zu den zwanzig grössten Volkswirtschaften der Welt, obwohl hier nur rund neun Millionen Menschen leben. Der Einfluss unserer Politik und unserer Unternehmen reicht also weit über die Landesgrenzen hinaus.

Wenn wir Demokratie als ein System verstehen, in dem diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, auch das Recht haben sollten, an diesen Entscheidungen mitzuwirken, dann haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der wir auch das verteidigen müssen, was wir erreicht haben. Man sieht beispielsweise in den USA, wie schnell demokratische Errungenschaften wieder zurückgedreht werden können. Es dauert vielleicht Generationen, eine starke Demokratie aufzubauen – aber es kann nur wenige Jahre dauern, sie zu zerstören.

«Pre-enactment is something that might happen in the future and we just enacted it right now.»

[Suyeon:] Du arbeitest mit dem Begriff «Pre-Enactment». Was bedeutet das?

[Eneas:] Wir kennen den Begriff «Re-Enactment». Dabei geht man in die Vergangenheit zurück und spielt etwas, das passiert ist, noch einmal durch. Ein Pre-Enactment funktioniert genau umgekehrt: Etwas, das möglicherweise in der Zukunft passieren wird, wird bereits jetzt durchgespielt.

Warum machen wir das? Wir sehen ein grosses Potenzial darin, zukünftige Herausforderungen bereits heute zu erleben und dadurch auf sie vorbereitet zu sein. Politik ist häufig sehr stark auf die Gegenwart konzentriert: Es geht darum, aktuelle Probleme zu lösen. Dadurch geraten grosse Herausforderungen, die in der Zukunft auf uns zukommen, leicht aus dem Blick.

Ein Pre-Enactment ist eine Art Trick: Wir springen in ein zukünftiges Szenario, erleben dort eine konkrete Situation und müssen handeln. Danach kommen wir wieder in die Gegenwart zurück – aber wir nehmen etwas aus dieser Erfahrung mit.

Bei Proberaum Zukunft verstehen wir das deshalb auch als eine Art Proberaum für die Zukunft: Wir proben zukünftige Herausforderungen.

«Switzerland, and Europe, are specially affected by climate change.»

[Suyeon:] Wie ist daraus die «Jahrtausendflut» entstanden?

[Eneas:] Die Zusammenarbeit begann mit dem Thinktank foraus – Forum Aussenpolitik. Foraus arbeitete mit Expert an einem konkreten Zukunftsszenario. Wir als Künstler von Proberaum Zukunft haben daraus eine konkrete Situation entwickelt, in der man zukünftige Herausforderungen des Klimawandels erleben kann.

Wir denken oft, dass die Schweiz vom Klimawandel nicht besonders stark betroffen ist. Das stimmt nicht. Wir erleben bereits heute Hitzewellen und extreme Temperaturen. Europa und insbesondere auch die Schweiz sind stark betroffen.

Natürlich gibt es Regionen auf der Welt, die noch viel stärker getroffen werden. Aber auch bei uns werden sich die Veränderungen intensivieren. Wir werden mit den Folgen der Entscheidungen umgehen müssen, die heute und in der Vergangenheit getroffen wurden.

«Die Jahrtausendflut»

[Suyeon:] Kannst du das Szenario der «Jahrtausendflut» kurz erklären?

[Eneas:] Wir haben auf Grundlage von Forschung, unter anderem mit Wissenschaftler der ETH Zürich und weiteren Expert, ein Szenario für das Jahr 2037 entwickelt. Es ist ein evidenzbasiertes Worst-Case-Szenario.

Die Schweiz wird darin von extremen Wetterereignissen und grossen Überschwemmungen getroffen. Gleichzeitig gibt es eine internationale Organisation, die «Green Helmets». Sie funktioniert ähnlich wie die «Blue Helmets» der UNO und soll bei zukünftigen Katastrophen international Hilfe leisten.

Die meisten Länder sind Teil dieser Organisation – die Schweiz allerdings nicht. Als die Schweiz von den extremen Ereignissen getroffen wird, ist sie mit der Situation überfordert. Die Regierung beschliesst deshalb per Notrecht, den «Green Helmets» beizutreten.

Aber im Jahr 2037 gibt es eine zusätzliche demokratische Institution: Nach jedem Einsatz von Notrecht hat eine per Los bestimmte Versammlung 24 Stunden Zeit, die Entscheidung der Regierung zu bestätigen oder abzulehnen.

Und genau in dieser Situation befinden sich die Besucher der «Jahrtausendflut».

«Our actors are real politicians and real experts.»

[Suyeon:] Was passiert dann im Theater?

[Eneas:] Die Menschen im Publikum werden per Los Teil einer Versammlung und müssen entscheiden: Soll die Schweiz den «Green Helmets» beitreten und dafür die internationale Hilfe erhalten – oder nicht?

Das ist ein echtes Dilemma. Natürlich braucht die Schweiz in dieser Situation dringend Hilfe. Gleichzeitig bedeutet der Beitritt, dass es eine Art Dienstpflicht für die «Grünhelme» gibt. Das hat enorme Auswirkungen auf das Leben der Menschen.

Jeder Abend ist anders. Wir arbeiten nicht mit Schauspieler, sondern mit echten Politiker und Expert, die in diese Welt eintauchen und überlegen, wie sie in dieser Situation handeln würden.

Jedes Pre-Enactment ist deshalb ein Experiment, und jeder Abend ist gewissermassen eine eigene Premiere. Was passiert, hängt davon ab, wer da ist und wie sich die Diskussion entwickelt.

Das ist gelebte Partizipation, gelebte Demokratie.

«If you enacted something, if you experience something – it becomes real for that moment.»

[Suyeon:] Was kann Theater in einem solchen politischen Prozess leisten?

[Eneas:] Ich glaube, dass eine Erfahrung eine andere Art von Wissen erzeugen kann. Wenn man etwas enactet, wenn man etwas erlebt, wird es für diesen Moment real.

Als Theatermacher und Regisseur ist es mein Ziel, eine Welt so real wie möglich zu machen. Die Menschen sollen für einen Moment vergessen, dass es eine Fiktion ist. Natürlich wissen sie danach wieder, dass es Theater war. Aber diese Erfahrung hinterlässt Spuren.

Und diese Spuren können etwas verändern – bei Politiker genauso wie in der Zivilgesellschaft. Im Fall der «Jahrtausendflut» gibt es nach dem Pre-Enactment noch einen weiteren Schritt: Foraus bringt die Ideen, die während der Aufführung entstanden sind, mit Politiker zusammen und versucht, sie in die reale politische Arbeit zu überführen.

«Politics is very theatrical.»

[Suyeon:] Kunst und Politik arbeiten hier sehr eng zusammen. Was interessiert dich daran?

[Eneas:] Eigentlich ist Politik selbst sehr theatralisch. Bevor ich Theater gemacht habe, habe ich unter anderem als Campaign Manager und als Sprecher gearbeitet. In diesem Feld merkt man schnell, dass es bestimmte Rituale gibt, bestimmte Bilder und eine bestimmte Szenografie hinter politischen Handlungen, Kampagnen und Diskursen.

Wir können diesen hochgradig theatralischen Raum der Politik nutzen und gewissermassen hacken. Wir übernehmen Rituale, Szenografie und andere Werkzeuge aus der Politik und schaffen damit einen Raum, in dem Menschen sich selbst in einer Rolle erleben können, in der sie die Zukunft gestalten.

Gerade in einer Welt, in der viele Menschen das Gefühl haben, dass keine gute Zukunft kommt, dass sie nichts zu sagen haben oder dass es keine Alternative gibt, ist das wichtig.

Wir wollen zeigen: Es liegt an uns. Wir können die Zukunft gestalten.

Und obwohl wir in der «Jahrtausendflut» ein extremes Worst-Case-Szenario entwerfen, geben wir den Menschen darin die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie sie aus dieser Krise herauskommen. Das schafft Hoffnung.

«The power of theater and art is to show that the future is an open contingent, and it’s shaped by us.»

[Suyeon:] Was wünschst du dir, dass die Menschen nach der Aufführung mitnehmen?

[Eneas:] Mein Lieblingswort in der Kunst ist «Urgency». Ich möchte, dass die Menschen irgendeine Form von Dringlichkeit spüren. Dass sie sich fragen: Was kann ich jetzt verändern? Was kann ich jetzt für eine bessere Zukunft tun?

Nicht später, nicht morgen, sondern jetzt.

Die Kraft von Theater und Kunst liegt für mich darin zu zeigen, dass die Zukunft offen ist. Sie wird von uns gestaltet. Wenn man im Alltag das Gefühl hat, dass es keine Alternative gibt, kann es helfen, die Perspektive kurz zu verändern und aus einer künstlerischen Sicht zu fragen: Welche Möglichkeiten gibt es eigentlich?

Und dann entdeckt man vielleicht ziemlich viele Möglichkeiten und Alternativen – vielleicht sogar bessere Wege.

«Always think about the best case scenario!»

[Suyeon:] Hast du zum Schluss noch einen Gedanken für die Leser*innen?

[Eneas:] Denkt nicht nur über das Worst-Case-Szenario nach. Denkt auch über das Best-Case-Szenario nach!

Der Zukunft ist nicht vorgegeben. Wir bleiben präsent und finden heraus, wie wir weitergehen können.

Vom Worst Case zum Best Case!

(c) Jérôme Favre