Die Neutralität zur Erde sei eine Fiktion, schrieb der indigene Philosoph Ailton Krenak in einem von der Kaserne Basel beauftragten Text zur Neutralität der Schweiz und dem derzeitigen globalen Klima-Notstand. Was können wir tun in einer Zeit, in der die Aufgaben für die Zukunft sich so stapeln, als wären wir drei Generationen in einer, die alle Probleme der Welt lösen soll? Kunst ist wenig neutral, denn Musik-, Theater- und Tanzkünstler*innen bewegen sich ständig und verändern dauernd ihre Positionen. Ebenso lernen und ändern sich die Institutionen, so auch wir. Wenn Neutralität zur Erde eine Fiktion ist, so hoffen wir, dass die Fiktion, die wir auf die Bühne bringen, alles andere als neutral ist, dass sie eher schillert in all ihren Facetten und Meinungen, Ästhetiken und Sprachen, dass sich unsere Idee von Neutralität verändert und neu erfindet.
Ein erfreulicher Neustart mit steigenden Zuschauer*innenzahlen
Seit dem Sommer 2023 erfindet sich auch die Kaserne Basel wieder neu, besonders sichtbar mit einem neuen grafischen Aussehen und einem neuen Webauftritt. Auch wenn Zuschauer*innenzahlen normalerweise nicht an dieser Stelle aufgeführt werden: Wir freuen uns sehr, dass wir die Gesamtzuschauer*innenzahl um fast 9% steigern konnten und so im ganzen Jahr 2023 fast 32.700 Zuschauer*innen erreichten. Die Gesamtauslastung für das Jahr 2023 lag ebenfalls höher bei 75% (2022: 72%) und auch die Ticketeinnahmen konnten um 10% gesteigert werden.
Ein populäres Haus mit hochaktuellem Programm für viele
Mit starken Inhalten im Bereich Theater & Tanz, einem hochaktuellen Musikprogramm, das viele Altersklassen und Stilrichtungen abdeckt und neuen Residenzangeboten für lokale, nationale und internationale Künstler*innen erreichten wir ein grosses neugieriges Publikum. Die Kaserne Basel bot ein breites Performanceprogramm zwischen Theater, Tanz, Spoken Word, Diskussionen und international gefeierten Theaterproduktionen, auch aus Südamerika und dem nord- und westafrikanischen Raum. So gelang ein mannigfaltiger Start, der ein grosses Publikum in die Kaserne Basel lockte. Die Wahlpreise haben dabei geholfen, die Zugänglichkeit des Hauses zu erhöhen. Dabei überlassen wir den Besucher*innen selbst, welche Preiskategorie sie sich leisten können – frei nach dem Motto Zahl was du kannst. Podien wie der feministische salon basel und Basel Debates mischen sich ausserdem in die aktuellen politischen Themen ein. Grosse Namen wie Milo Rau, KT Gorique, ALOK, Von Wegen Lisbeth, Sven Regener & Andreas Dorau, Bassekou Kouyate standen neben Experimenten und unbekannteren Namen. Eine ausführliche Künstler*innenliste ist separat im Bericht aufgeführt.
Grosse Herausforderungen für den Betrieb
Die Umstände für den Start standen, wie auch schon Sandro Lunin beschreibt, unter schwierigen Sternen. Dass der Kanton Basel-Stadt gesetzlich der Kaserne Basel eine angepasste Teuerung der Personalkosten nicht auszahlen darf, war für das Haus eine schwere Last, die sich sichtbar auf das Personal und das Budget auswirkte. Die erhöhten Freelancerkosten im Bereich Technik und der Fachkräftemangel machten es schwer, Personal zu finden, hier ist die Kaserne Basel augenfällig nicht mehr wettbewerbsfähig. Es gab keine Stellenausschreibung, in der Bewerber*innen nicht wegen zu geringen Lohns abgesprungen sind. Für den Betrieb ist klar, dass die sehr niedrigen Löhne dringend erhöht werden müssen.
Eine hohe Krankheitsrate und Ausfälle sowie Kündigungen vor der Sommerpause aufgrund grosser Lohnunzufriedenheit brachten das Haus an die Belastungsgrenze, was sich auch auf das Programm auswirkte. Wir haben daher in der zweiten Programmhälfte auf dichte themenspezifische Festivalschwerpunkte verzichten müssen. Weiterhin stehen regelmässig Baumassnahmen an, die sich auch auf die Planung des Betriebes auswirken. Eine längst überfällige Rauchentlüftung hätte in der zweiten Spielzeithälfte installiert sein sollen und ist bis zum Redaktionsschluss dieses Berichts (trotz zweimonatiger Blockierung der Reithalle) immer noch nicht installiert. Unter solchen Bedingungen, Programm langfristig zu planen ist vorsichtig ausgedrückt, eine Herausforderung.
Der Wechsel der Künstlerischen Leitung brachte zusätzlich neue Kommunikationsformen und Bewegungen in den Betrieb. Und nach 15 Jahren verlässt Thomas Keller als Geschäftsführer die Kaserne Basel. Es gibt wohl kaum eine Person, die die Kaserne Basel so stark zwischen den verschiedenen Departementen, Interessensgruppen, Partner*innen – mit drei verschiedenen künstlerischen Leiter*innen – in den letzten Jahren geprägt hat. Ohne Thomas Kellers ausserordentlichen Einsatz wäre die Kaserne nicht da, wo sie heute steht. Danke, Tom!
Wechsel und Chancen für den Betrieb
Wechsel bringen auch Chancen mit sich – eine aus den Covid Transformationsmitteln finanzierte IT-Investition wird die Zusammenarbeit innerhalb des Teams verändern und de-hierarchisieren sowie stärkere Transparenz bei der Nutzung von Daten und Informationen teamintern ermöglichen. Andere Abläufe bringen zusätzlich Bewegung in den Betrieb. Nach sehr schwierigen Corona-Jahren war das gesamte Kaserne-Team im August seit langem wieder zwei Tage mit Übernachtung auf einer erstmals extern moderierten Retraite. Der Prozess und die Ergebnisse haben den Teamzusammenhalt enorm gesteigert, neue Lösungsansätze aufgezeigt und trotz einer schwierigen Ausgangslage klare Ziele markiert.
Ein elektronisches Zeiterfassungssystem wird den Mitarbeitenden einen besseren Überblick über die geleistete Arbeit bieten. Auch mit der Einführung neuer Zuständigkeiten im Bereich Personal (Human Resources) und Residenzen (Care & Share) konnte das Team entlastet werden. Mit dem Beirat der Kaserne Basel (vertreten sind dort das Musikbüro, Tanzbüro und t. Theaterschaffen Schweiz) wird regelmässig über die notwendigen Strategien des Hauses für die Unterstützung der Szene beraten. Eine wichtige Rolle spielte die Einführung des Kaserne LAB für fünf lokale Künstler*innen, die das Haus eine Saison lang begleiten. Auch die internationalen und nationalen Residenzen erweisen sich als bereichernde Impulse für die lokale Szene. Zukünftig sollen daher mit mehr Angeboten für die lokale Szene auch semiöffentliche Formate wie Workshops und Lectures von den LAB-Artists programmiert werden können.
Ökologisch nachhaltiger performen
Eine Herausforderung der kommenden Jahrzehnte ist die Frage, wie wir den Betrieb ökologisch nachhaltiger gestalten können. Der globale Austausch, den Sandro Lunin besonders stark mit der Migrationsgesellschaft verbunden und im Programm verankert hat, gehört zu einem zeitgenössischen Kunstprogramm und darf aufgrund von ökologischen Bedenken nicht geopfert werden. Wie also nachhaltiger im Theater arbeiten? Mit CooProg hat sich die Kaserne Basel als Mitinitiantin und Ideengeberin einer bedeutenden internationalen Touringplattform einbringen können: CooProg vernetzt europäische Theaterhäuser miteinander und macht Touring internationaler Compagnien nachhaltiger, indem man gemeinsam gleich mehrere Gastspiele am Stück plant. Das Projekt könnte im besten Fall auch über Europa hinaus Schule machen und nicht zuletzt auch Touren Schweizer Künstler*innen im Ausland ökologischer machen.
Kultur-Vermittlung: ein zentraler Anker der Programmarbeit in der Kaserne Basel
Die Vermittlungsarbeit der Kaserne ist ein zentraler Anker der Programmarbeit geworden. In der neuen Saison 23/24 wurde mit dem brandneuen Vermittlungsformat der Familienvorstellungen neues Publikum ans Haus geholt. So wurden spezifisch Eltern für Theater und Kinder-Konzerte angelockt, entweder weil die Kaserne Basel die Kinderbetreuung anbietet oder weil das Musik- und Theaterprogramm auch explizit familienfreundliche Angebote macht. Ausgewählte Produktionen werden seit dieser Saison in Kooperation mit dem Kasernentreff und dem SpielEstrich, jeweils an einem Sonntag schon um 16 Uhr, mit parallel stattfindender Kinderbetreuung, gezeigt.
Neu ist auch der Telegramkanal Kaserne für Familien, der alle Interessierten auf dem Laufenden hält. Der VHS Kurs Highlights der Kaserne Basel ging in seine zwölfte Runde, der Freundeskreis hat sich regelmässig zu Vorstellungen getroffen und ausgetauscht und Gruppen wie der Offene Hörsaal oder die Kulturcommunity kamen zu Besuch. Ein Angebot für sehbehinderte Personen, welches wir gemeinsam mit dem Theater Basel durchführen, fand zum dritten Mal mit Tasteinführung und Audiodeskription statt. Erstmals bot die Kaserne Basel bei Stephan Eicher auch ein Konzert mit Gebärdensprachdolmetschung und Deaf-Performance für gehörlose Besucher*innen an – und wo immer möglich unterstützt die Kaserne mit Induktionsschleife für Hörunterstützung oder mit Übertiteln. Mit dem Projekt screening invisibilities wurde ein explizit inklusives Theaterprojekt für und mit hörenden und gehörlosen Menschen gezeigt, welches mit einem breiten Vermittlungsprogramm unterstützt wurde. Zusätzlich bot die Kaserne eine Reihe diverser Workshops im Theater-, Tanz- und im Musikbereich an.
Bunt, lesbar, digital: die neue Kommunikation
Auch in der Kommunikation gab es einige Neuerungen. Parallel zu den laufenden Arbeiten für das Programm des ersten Halbjahres inklusive einer kleinen Kampagne zum Abschlussfestival Kaserne Globâle im Juni 2023 wurde ab Januar schon die Konzeption der Drucksachen, die Entwicklung des Monats-Booklets und der Poster-Kampagne in Zusammenarbeit mit der Basler Grafikagentur Tristesse für die neue Saison vorbereitet. Mit einem neuen Branding, webspezifischer Werbung (z.B. einem neuen Newsletter) und einem frischen Auftritt, der in sich wie ein kleines Festival das Publikum für die Inhalte begeistern soll, konnte man neue Zuschauer*innengruppen erreichen. Parallel dazu entstand eine neue Website, inhaltlich aufgeräumt, bunt gefärbt in der Grafik von Tristesse und umgesetzt von Webentwickler Aeneas Meier / RGB Retikolo. Nach der Sommerpause wurden diese Vorarbeiten dann erstmals auch für die Öffentlichkeit sichtbar – die Plakatkampagne färbt seit dem Saisonstart im September das Stadtbild etwas gelber, als es vorher war und im August ging die Website live – neu mit Warenkorb-System und einem Reel-Mode für Videotrailer-Blick ins Programm. Grosses Interesse hatte die Presse vor allem an den Zielen der neuen Künstlerischen Leitung, was sich in zahlreichen Interviews zeigte. Wortwörtliche Strahlkraft beweist seit dem Herbst die neue Signaletik im Eingangsbereich, die den Weg vom Kasernenareal in die Veranstaltungsräume erleichtert und das aktuelle Programm präsentiert.
Zum Abschluss dieses Berichts möchte ich meinen ausserordentlichen Dank allen aussprechen, die diesen Saisonstart ermöglicht haben und die treue oder neu gewonnene Unterstützer*innen der Kaserne Basel sind. Allen voran dem Team, dem ehrenamtlich arbeitenden Vorstand, allen Künstler*innen, Geldgeber*innen und Unterstützer*innen sowie den wertvollen Partner*innen aus Verwaltung, Politik und Szene!
Tobias Brenk
Künstlerischer Leiter (ab Sommer 2023)