
Von Samba und Bossa bis zu psychedelischem MPB und Beach Boogie – Marcos Valle gehört zu den bedeutendsten Komponisten, Arrangeuren, Textern und Interpreten der brasilianischen Musikgeschichte. Es gibt nur wenige Künstlerinnen und Künstler in der Geschichte der Tonaufnahmen, die eine stilistisch so vielfältige Karriere vorweisen können wie Marcos – und dabei über sechs Jahrzehnte hinweg eine konstant hohe Qualität gehalten haben. Der Alleskönner des brasilianischen Pop hat mit Leon Ware, Sarah Vaughan und Chicago gearbeitet; seine Musik wurde von Jay Z, Kanye West, Childish Gambino, Madlib und Kaytranada gesampelt; seine Songs wurden von Grössen wie Frank Sinatra, Bebel Gilberto – und sogar Emma Bunton von den Spice Girls – aufgenommen. Sie interpretierte seinen Klassiker «Os Grilos (The Crickets Sing For Anamaria)».
Als Komponist der zweiten Welle der frühen Bossa-Nova-Bewegung, in den Fussstapfen von João Gilberto und Antonio Carlos Jobim, wurde Valle Anfang der 1960er Jahre mit der Veröffentlichung seines heute weltberühmten Bossa-Nova-Standards «Samba de Verão (Summer Samba)» bekannt. Gemeinsam mit seinem Bruder und langjährigen Songwriting-Partner Paulo Sérgio geschrieben, ist das Lied eine Hommage an das Leben als Surfer in Rio – und steht heute neben «The Girl From Ipanema» als eines der weltweit bekanntesten brasilianischen Lieder.
In den 1970er Jahren, nach dem Abflauen der Bossa-Nova-Welle, suchte Marcos nach neuen Ausdrucksformen und entwickelte einen verfeinerten, jazzigeren und psychedelischeren MPB-Stil. Dieser prägte eine Reihe seiner besten und begehrtesten Alben: Marcos Valle(1970), Garra (1971), Vento Sul (1972) und Previsão do Tempo (1974). Inmitten dieser Meisterwerke schrieb und produzierte er auch Musik für Film und Fernsehen – darunter auch für die brasilianische Version der Sesamstrasse! In dieser Zeit lernte er das Trio kennen, das später unter dem Namen Azymuth bekannt wurde – benannt nach einem seiner Songs aus dem Soundtrack zu O Fabuloso Fittipaldi(1973).
Gegen Ende der 1970er Jahre begann Marcos eine äusserst erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem renommierten US-Produzenten und Singer-Songwriter Leon Ware. Gemeinsam schrieben sie eine Reihe von US-Soul-Klassikern wie «Rocking You Eternally» und «Baby Don't Stop Me». Marcos nahm später brasilianische Versionen dieser Songs auf seinem Album Vontade de Rever Você (1981) auf. Einige Jahre später arbeiteten die beiden erneut zusammen und schufen einen seiner bis heute bekanntesten Hits – auch dank YouTube- und Spotify-Algorithmen: das tanzbare Boogie-Monster «Estrelar».
In den 1990er Jahren wandte sich Valle vom brasilianischen Musikmarkt ab und konzentrierte sich wieder auf Kompositionen für Film und Fernsehen. Doch in Grossbritannien und Europa wuchs sein Kultstatus dank aufblühender Musiksubkulturen wie Acid Jazz, Jazz Dance und Rare Groove sowie der Cratedigger-Kultur, die diese Szenen miteinander verband. Nach einem Treffen mit Joe Davis von Far Out Recordings im Londoner Jazz Café während einer Tournee 1995, verstanden sich die beiden auf Anhieb und starteten eine bis heute andauernde Zusammenarbeit, die mit der Veröffentlichung von Nova Bossa Nova im Jahr 1998 begann.