Mit vielen Residenz Showings, nationalen und internationalen Gastspielen, einer Auslastung von 79%, 34 855 Besucher*innen, 43% ausverkauften Theater- und Tanzvorstellungen, einer ersten Ausgabe von Cliffhanger (unserer Showingreihe des Kaserne LAB), vielen inspirierenden Konzerten und Talks – und diversen Partnerschaften (Theaterfestival Basel, Tanzfest, Offbeat Jazz- festival, BScene, Steps, I Never Read, FOG etc.) blicken wir auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurück, das aber auch viele Herausforderungen mit sich brachte.
Betriebliche Anstrengungen
Das Jahr 2024 stand für die Kaserne Basel unter dem Stern grosser Veränderungen auf betrieblicher Ebene. Die Geschäftsführung wurde neu besetzt, der Vorstand hat neue Mitglieder und einen neuen Präsidenten. Eine grosse Herausforderung war, wie schon im letzten Jahresbericht erkennbar, die Personalsituation am Haus: Aufgrund der bis Ende des Jahres schwierigen Lohnsituation (und einer damit einhergehenden mangelnden Wettbewerbsfähigkeit) hatte der Betrieb vor allem im Bereich Veranstaltungstechnik Probleme damit, freie Stellen zu besetzen. Dank einer starken Lobbyarbeit, einem überaus engagierten Team, und einem ehrenamt- lich arbeitenden, ausserordentlich rastlosen Vorstand konnte die Kaserne Basel viele Baustellen meistern. Daher gilt hier an erster Stelle allen ein riesiges Dankeschön, die es ermöglicht haben, dass wir Ende des Jahres 2024 in eine bessere Zukunft mit einer besser aufgestellten Finanzierung gehen können. Vor allem möchte ich hier, neben den Künstler*innen, Teammitgliedern, Vorstands- und Vereinsmitgliedern, den Stiftungen und Geldgeber*innen, den lokalen, nationalen und internationalen Veranstaltungspartner*innen sowie ausdrücklich dem Kanton Basel-Stadt und dem Grossen Rat danken, die unsere schwierige Lohnsituation der letzten Jahre erkannt haben und dementsprechend die Kaserne Basel besser unterstützt sehen wollten.
Umbauten
Eine weitere Herausforderung ist der uns seit 12 Jahren beschäftigende Umbau des Dachstocks über dem Rossstall: unzählige Stunden an Planung wurden für dieses Projekt von Seiten der Kaserne Basel investiert – drei Künstlerische Leiter*innen haben sich schon damit befasst. Der mehrfach verschobene Umbautermin (der im Jahr 2023 noch für 2025 geplant wurde, dann auf Sommer 2026 verschoben wurde, danach in den Herbst 2026 verschoben wurde und eine 3-monatige Sperrung des Spielbetriebs mit sich gebracht hätte) steht nun fest: er soll in der Spielzeitpause 26 beginnen. Unter so vielen Verschiebungen Programm zu planen, ist, vorsichtig ausgedrückt, eine Herausforderung und für unseren Betrieb kostenintensiv – es hinterlässt Spuren und Lücken im Programm.
Die veränderte Presselandschaft
Die Theater-, Tanz- und Konzertkritiken haben – trotz wohlwollendem Kontakt mit den Redaktionen – bei der Basellandschaftlichen Zeitung im Vergleich zum Vorjahr um knapp 50% abgenommen, die Basler Zeitung hat das gesamte Jahr 2024 keine Kritik zu Konzerten, Theater- oder Tanzvorstellungen in der Kaserne Basel gebracht. Auch die Kritiken in Radio- und Onlinemedien nehmen ab. Die Kaserne Basel zählt in Basel-Stadt zu den drei subventionierten Veranstaltungsorten mit dem höchsten Publikumsaufkommen, Museen ausgenommen. Trotzdem und trotz intensiver Pressebegleitung und persönlicher Betreuung muss man feststellen: die freie Szene erhält kaum noch Zugang zur Kulturkritik. Das ist eine Entwicklung, die wir mit Sorge beobachten: Wo findet Kunstkritik fern von den grossen Museumsausstellungen, Orchesterkonzerten, Stadttheaterpremieren heute noch statt? Die Zeitungen verlieren so ein engagiertes Publikum, das sich für gesellschaftliche Fragestellungen interessiert und unsere Veranstaltungen besucht.
Die Krisen der Welt im Spiegel
des Kulturbetriebes
Im Strudel der politischen Ereignisse des Jahres 2024 spiegelten sich immer wieder die Krisen der Welt in unserem Kulturbetrieb. Regelmässig diskutierten wir unsere Haltung zum schrecklichen Krieg Israels gegen Gaza, den zurückgezogenen Kulturförderpreis des Kanton Basel-Stadt, die Musikvielfalt Initiative, die schwierige finanzielle Situation unserer Veranstaltungspartner*innen in Deutschland und Österreich angesichts massiver Kürzungen, aber auch die Herausforderung für lokale Partner*innen: für die BScene, das Pärkli Jam Festival, das Humbug, das Sommercasino, die Schliessung von produktionsDOCK, die Kürzungen für Kulturprojekte des Globalen Süden durch die DEZA, der Rückgang an Zuspruch durch private Stiftungen im Bereich Theater/ Tanz für die freie Szene, die geringe Berichterstattung in den Medien, die vielen kostenlosen Angebote, die eine ernsthafte Konkurrenz für unser Programm bedeuten, welches Einnahmen über Tickets erzielen muss. Die freie Theater-, Tanz- und Musikszene steht damit vor den nächsten Herausforderungen. Dass die Musikvielfalt Initiative nicht durchgekommen ist, ist für viele lokale freie Musikschaffende ein Affront – die Kaserne hat sich neutral zur Initiative positioniert, weder dafür noch dagegen. Wie man das freie Musikschaffen mit den Institutionen gemeinsam besser fördern könnte, bleibt weiterhin offen und wir als Kaserne versuchen unser Bestmögliches, um als verlässliche Partnerin zu agieren, trotz der grossen Veranstaltungskonkurrenz in unserer kleinen Stadt.
Wirft man den Blick aus unseren engen Kantonsgrenzen Richtung Norden, braucht es ganz andere Unterstützung für die freie Kulturszene: Es liegt an Betrieben wie unseren, sich für die Szene ausserhalb der eigenen Landesgrenzen einzusetzen, damit das international agierende Netzwerk der Theater- und Tanzszene nicht kaputtgespart wird. Daher unterstützen wir Projektpartner*innen mit Koproduktionen und Residenzen und wir setzen uns mit CooProg für ein koordiniertes Gastspieltouring ein, um internationale Compagnien gemeinsam zu touren und Kosten zu sparen. Mit dem Festival Transform in Leeds und dem LIFT Festival in London werden wir ein Residenzprogramm für britische Künstler*innen einführen. Dies vor allem, um das Wissen über Communityprojekte zwischen UK und der Basler Szene zu stärken. Solche Residenzaustauschprojekte machten es auch möglich, dass Davide-Christelle Sanvée mit Steven Schoch gemeinsam ein Projekt entwickelte, das sich mit der Rassismuserfahrung Schwarzer Menschen in der Schweiz beschäftigte – Who’s Afraid war ein aussergewöhnliches Theaterprojekt, das hoffentlich international noch viel touren wird!
Residenzen / Kaserne LAB
Die verschiedenen Residenzformate der Kaserne Basel konnten auch im Jahr 2024 weiter gefestigt und ausgebaut werden. Im Kaserne LAB boten wir fünf lokalen Künstler*innen aus der Basler Szene die Möglichkeit, die Probebühnen eine ganze Saison lang zu nutzen und ohne Produktionsdruck ihre Recherche zu vertiefen. Ein besonderes Highlight des Kaserne LAB war neben den monatlichen Showings mit anschliessenden Nachgesprächen eine dreitägige Vernetzungsreise zum kunstenfestivaldesarts in Brüssel. Dort fand ein intensiver Austausch mit der lokalen und internationalen Kulturszene statt, ergänzt durch Produktionsbesuche.
Neben dem LAB konnten wir auch vier nationale und drei internationale Künstler*innen in jeweils dreimonatigen Residenzen willkommen heissen. Diese Residenzen zielten darauf ab, künstlerischen Austausch sowie eine Praxis jenseits des gewohnten Kontextes zu fördern. Einen Teil der finanziellen Förderung übernahm dabei die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Daneben konnte wir auch eine Schutzresidenz für eine aus ihrem Heimatland auf Grund von Krieg geflüchtete Künstlerin ermöglichen.
Diese Angebote verdeutlichten erneut, wie wichtig und bereichernd Residenzen für Künstler*innen unterschiedlicher Sparten und kultureller Hintergründe sind. Sie schaffen Räume für die Erweiterung und Vertiefung der eigenen Praxis und fördern Synergien, die weit über die Residenzzeit hinauswirken. Ein eindrückliches Beispiel dafür war die aus der LAB-Residenz entstandene Kooperation zwischen Antje Schupp und Yanik Soland, die für Antjes Projekt Recycling of Life kooperierten – das Projekt landete auf der Longlist für das Nachtkritik Theatertreffen 2024.
Darüber hinaus konnte mit Cliffhanger ein neues For- mat etabliert werden, das Showings der LAB-Artists und interessierter Residenzkünstler*innen einem grösseren Publikum gebündelt an einem Tag zugänglich macht. Die erste Ausgabe war ein grosser Erfolg. Unter anderem auch, weil die Gehörlosen-Community, eingeladen von LAB-Artist Lua Leirner, in einer grossen Runde für ein Showing zusammenkam.
Theater/Tanz
Einen grossen lokalen Erfolg feierte die Club/Theater/ Performance Tales of the Club von Collective Echo/Lukas Stäuble. Auch Tabea Martin, Thom Luz, sowie auch das junge theater basel zusammen mit Haug / Nübling / Poloni zogen viele Zuschauer*innen an. Herausragend war der Saisonauftakt mit Jeremy Nedds neuer Premiere, die gemeinsam mit Impilo Mapantsula entstand: Zum ersten Mal hat damit ein*e Basler Künstler*in beim berühmten kunstenfestivaldesarts in Brüssel Premiere gefeiert und war danach auf Sommerfestival-Tournee, bis die Basler Produktion dann mit 5 Vorstellungen bei uns zu sehen war. Für uns ist es grossartig zu beobachten, dass mit Jeremy Nedd und Tabea Martin zwei äusserst erfolgreiche Choreograf*innen aus Basel europa- (und manchmal auch welt-) weit touren. Den Blick nach aussen suchten wir an unserem Haus mit den oben genannten Residenzen, aber natürlich auch mit internationalen Gastspielen: Mexa aus Brasilien warf einen queeren brasilianischen Blick auf die europäische Kunstgeschichte des Abendmahls. Rimini Protokoll eröffnete sinnbildlich für die Dauer des Abends die erste taiwanesische Bot- schaft der Schweiz in der Kaserne Basel, Alex Baczynski-Jenkins feierte ein Comeback, nachdem seine Arbeit auch schon in der Kunsthalle Basel begeisterte, Gob Squad holte mit Super Night Shot die Stadt in den Bühnenraum, Theresa Reiwer war im Januar 2024 ihrer Zeit voraus und widmete sich einem Thema, das heute umso virulenter diskutiert wird: wie KI uns manipuliert. Mit Sidi Larbi Cherkaoui, Rosas und Mette Ingvartsen waren grosse internationale Gastspiele im Haus. Auch die Eröffnungsproduktion der argentinischen Regisseurin Lola Arias beim Theaterfestival Basel wurde enthusiastisch vom Basler Publikum gefeiert. Das Stück war eine Koproduktion der Kaserne Basel mit vielen grossen internationalen Theaterhäusern und Festivals, wie dem Festival d'Avignon oder dem Festival d’Automne Paris.
Viele der Theater- und Tanzarbeiten beschäftigten sich mit der Perspektive von Menschen, die nicht zu einer Mehrheitsgesellschaft gehören. Sie ermöglichten uns faszinierende Einblicke, die mehr als lehrreich waren, und uns ästhetisch und mit Witz und Tiefe begeis- terten. Eine besondere Stellung übernahmen Veranstaltungen an der Schnittstelle zwischen Lesung, Stand-Up, Diskurs und Debatte, so erfreuten sich zum Beispiel auch Basel Debates und der feministische salon basel einer grossen Beliebtheit.
Musik
Das Musikprogramm der Kaserne war 2024 von einem breiten Angebot aus lokalen, nationalen und internationalen Künstler*innen geprägt, Newcomer teilten sich mit etablierten Stars die Bühne und musikalisch war von Pop, Rock über HipHop, Jazz, Post-Worldmusic, Metal, elektronischer Musik, Partys und Experimentellem für jede*n etwas dabei. Highlights waren hierbei sicherlich die Konzerte von Buntspecht, den Baslern von Was Das?, der Istanbuler Pop-Diva Gaye Su Akyol und dem Dark-Wave von Lebanon Hanover, für das Leute aus ganz Europa an die Kaserne gereist sind. Auch unsere Kindermusikreihe mit insgesamt drei Konzerten erfreut sich einer zunehmenden Beliebtheit bei jungen Familien beider Basel und der angrenzenden Region in Deutschland. Mit Freude blicken wir auf eine erfolgreiche Kooperation mit der Basel Sinfonietta beim Offbeat Jazzfestival zurück, die vor ausverkauftem Haus eine Uraufführung von Nik Bärtsch feierte und darüber hinaus Stücke der isländischen Komponistin und Oscar-Preisträgerin Hildur Guðnadóttir zum Besten gab. Mit Erfolg wurden die Kooperationen mit Jazzhane, Mitten in der Woche und der BScene fortgeführt, die wiederholt das ganze Kaserne Areal bespielte. Eine Schlange bis zur Turnhalle gab es beim Konzert von Eartheater im Bühnenbild der Künstlerin Anna Uddenberg, die von der Traumabar anlässlich der Art Basel eingeladen wurden. Als neue Partner*innen kamen das FOG-Festival für experimentelle elektronische Musik dazu, das zum Auftakt eine Komposition des legendären japanischen Klangkünstlers Ryōji Ikeda von Musiker*innen der Musikakademie in der Reithalle aufführen liess, sowie das neue HipHop Festival mit Künstler*innen aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich. Traditionell endete das Jahr mit der grossen Weihnachtsparty, die unter der Beteiligung vieler lokaler DJs und Künstler*innen in diesem Jahr wieder in Kooperation mit der Zisch-Bar entstanden ist. Dabei wurde ein Teil der Einnahmen an den Verein habs queer Basel gespendet.Aktuell sieht sich das Musikprogramm nach wie vor der Herausforderung, durch ein verändertes Ausgehverhalten und Friktionen der Schweizer Live-Musiklandschaft ausgesetzt. Hinzu kommt auf lokaler Ebene die Konkurrenz durch Gratiskultur und Neueröffnungen weiterer Spielorte für Livekonzerte bei gleichzeitig stattfindendem demografischen Wandel und kleiner werdendem Publikum. Als Massnahme führen wir daher analog zum Theater- und Tanzbetrieb bei immer mehr Konzerten unser Preissystem «Zahl was du kannst» ein, um ein möglichst niedrigschwelliges Angebot für Menschen zu schaffen, die sich vom Musikprogramm überraschen lassen wollen. Obwohl die Einführung mit gewissen ökonomischen Risiken verbunden ist und einer besonderen Kommunikation bedarf, ist unser erstes Resümee positiv und wird 2025 weiter ausgebaut.
Vermittlung
Die Vermittlung der Kaserne beschäftigte sich 2024 neben den Kernangeboten (Einführungen für Schul- klassen, Tanz-Workshops mit gastierenden Künstler*innen, Führungen durchs Haus, Betreuung des Freundeskreises etc.) mit der Zugänglichkeit für besondere Gruppen: Es wurden mehrere Vorstellungen am Sonn- tagnachmittag mit kostenloser Kinderbetreuung angeboten sowie drei Konzerte für Familien an Wochenenden veranstaltet. Ein Workshop zur Erstellung von Audiodeskriptionen für blinde und sehbehinderte Personen schuf den Anfang, um lokale Personen auszubilden, Angebote für diese Zielgruppe zu ermöglichen. Zum vierten Mal entwickelten wir auch mit dem Theater Basel ein Angebot für blinde Besucher*innen – in der Kaserne Basel eine Live Audiodeskription von Writers’ Room. Zusätzlich boten wir im Rahmen des Theaterfestivals erstmalig eine Live Audiodeskription für ein Tanzstück an – mit begeistertem Feedback der blinden Be- sucher*innen.
Für die Premiere von Tabea Martins neuer Arbeit Love Scenes im Juni 2024 waren drei Schulklassen der Sek I Stufe als Begleitklassen dabei. Die Künstler*innen gingen in die Schulen, die Klassen kamen ihrerseits auf Probenbesuch und sahen schliesslich die Premiere. Zusätzlich entwickelten sie ihre eigenen Liebesszenen. Die
Texte hingen sichtbar als kleine Ausstellung im Foyer und die Szenen wurden an einem Nachmittag auf der grossen Reithallenbühne dem Familienanhang präsentiert.
Leider kam das geplante Vermittlungsprojekt von vorschlag:hammer Meine Geschichte, das in den Herbstferien gestartet wäre, aufgrund mangelnder Anmeldungen nicht zustande. Das von der Kulturvermittlungsabteilung dafür gesprochene Fördergeld wurde – abzüglich den schon geleisteten Ausgaben – zurückerstattet.
Zum Jahresende führten wir die physical introduction für unser Publikum ein. Die erste physical introduction wurde vom LAB-Künstler Declan Whitaker angeleitet und bot den zahlreich erscheinenden Besuchenden eine Einführung in Alexandra Bachzetsis' Stück Exposure, die nicht verbal, sondern über den Körper und Bewegung funktionierte.
All dies wäre nicht machbar ohne das Engagement der Vereinsmitglieder und des Vorstands. Auch der Freundeskreis unterstützt ideell und finanziell unsere Tätigkeiten – ein grosser Teil der Beiträge fliesst immer in eine Produktion, über die die Freundeskreismitglieder selbst entscheiden. Im letzten Jahr wurde so das Gastspiel von Rimini Protokoll möglich, herzlichen Dank!
Für das Programmteam (Marcel Bisevic, Maximilian Brands, Recha la Dous, Corinne O’Toole, Julia Ritter):
Tobias Brenk
Direktion